Missverständnisse in der Kindheit

 

Solange ich denken kann, hatte ich ein gutes Gespür fürs Glücklichsein.

 

Als ich in meiner Kindheit merkte, dass es den Menschen, die meine Welt ausmachten, allen voran Mama und Papa darum aber nicht ging, war ich sehr verunsichert. Da stand ich als Kind vor meinem Vater und verstand nicht, dass er einfach nicht weiter mit mir spielen wollte. Wo es uns beide doch gerade so glücklich gemacht hatte. Er musste die Spülmaschine einräumen.

 

 Vielleicht war ich mehr Einhorn als Mensch, jedenfalls schien mir das damals eine große Ungeheuerlichkeit und ich erinnere mich an diese und ähnliche Momente bis heute: Als ob mir das erste Mal dämmerte, dass ich mich vielleicht im Planeten geirrt hatte. Dass meine Eltern sich manchmal stritten und eines Tages die Koffer meines Vaters nachts in den Hausflur flogen, machte mir klar: Ich stehe auf wackeligem Boden. Und mein Raumschiff zum Einhorn-Planeten war doch schon längst wieder weggeflogen. Ich war auf mich selbst gestellt.

 

Einerseits waren meine Mutter und mein Vater trotz ihrer Streitereien oft in meiner Nähe und ließen es mir an nichts fehlen. Es war dennoch, als ob es uns an einer Sprache fehlte, um uns zu verstehen. Die Worte, die ich sagen konnte, die Blicke, Tränen und Lachen, alles, was ich sendete, reichte nicht aus, um sie zu erreichen. EInes Nachts stand meine Mutter weinend am Fenster und wartete auf meinen scheinbar untreuen Vater. Ich hörte sie , lief auf sie zu und sie schickte mich weg.

 

 Es schien, als ob hier alle alles mit sich alleine ausmachten.

 

Das stellte mich als Herdentier vor große innere Probleme. Ich wollte jede Nacht zwischen meinen Eltern schlafen. Als ich Eines Nachts in meinem Zimmer wach wurde und wie so oft zum Bett meiner Eltern lief, waren beide weg. Meine Mutter wollte meinen Vater nicht alleine zum Feiern gehen lassen. Ich weinte, bis die Nachbarn unter uns an unsere Wohnungstür kamen und mich bei sich schlafen ließen.

 

Ich ging von nun an sofort zu Tante Finni und Onkel Hans runter, wenn meine Eltern unterwegs waren. Ich hatte eine Herde gefunden und war zufrieden.

 

Es machte mir auch die Versöhnungen und erneuten Streits meiner Eltern erträglicher.  Trotzdem sehnte mich nach etwas, was irgendwo draußen hinter den Wolken auf mich wartete.  Während ich im Garten in den Himmel hinein schaukelte, wusste ich, dass in der Welt noch ein anderer Teil meiner Herde zu finden war. Ich musste nur ein Geheimnis lüften und ein paar Abenteuer bestehen.

 

Bald lag ich mit einer schweren Mittelohrentzündung und hohem Fieber im Bett und lief wie im Traum unter bunten Bögen hindurch, die aussahen wie die „Gates“ von Christo und Jean Claude hier oben im Bild. Ich bin nicht sicher, ob ein Teil von mir durch diese Tore woanders hinging, jedenfalls blieb ein wesentlicher Teil von mir in meinem Kinderbett in Köln und kam ins Krankenhaus. Nach einer mehrstündigen OP und mit einem halbtauben Ohr kam ich wieder nach Hause.

 

Ich fühlte mich danach noch „anderer“ als die meisten Kinder in der Grundschule und hatte das Gefühl, dass ich damit bloß nicht zu sehr auffallen darf. Ich zog meiner Seele zur Verkleidung  das Bravsein über. Bloß machen, was Mama und Papa und auch die Lehrerin von mir will, damit ich lieb gehabt werde und dabei sein darf. In der Schule wurde ich viel gelobt. Eine Schicht falscher Ehrgeiz legte sich über das Bravsein. Und in meiner Seele galoppierte etwas Wildes auf und ab und probte während meines weiteren Lebens immer wieder den Ausbruch.

 

Eine so eingepferchte Kraft ist nicht so leicht zu bändigen.

mmer, wenn ich versuchte, mich wirklich mitzuteilen, weil mir zum Beispiel ein Mensch sehr nahe kam, ging wie in einem Karussell ein Spiel von Bravsein, falschem Ehrgeiz und brachialem Ausbruch und Flucht los. Eine explosive Mischung, die mich und sicher auch liebe Menschen um mich herum Kraft gekostet haben.

 

Das Spiel dieser Kräfte riss mich oft ins Chaos. Deshalb gab es bald einen Wächter, der verhindern sollte, dass mir jemand so nah kam und alles durcheinander geriet. Er machte scheinbar eine gute Arbeit, aber meine Seele wurde immer erschöpfter, weil ihr die tiefe Verbindung zu Anderen fehlte.  Der Wächter war wie ein bewaffneter Teil von mir.  Und ausgerechnet Menschen, die sich so widersprüchlich wie meine Eltern verhielten, schickte er nicht fort. Sie waren ihm und mir vertraut. Wenn es jemand gut mit mir meinte, war uns das suspekt.

 

Es fühlte sich dramatisch an, immer wieder in das Karussell zu geraten. Brav versuchte ich, alles zu tun, um geliebt zu werden. Mein falscher Ehrgeiz ließ nicht zu, dass ich mir eingestand, damit schon gescheitert zu sein. Der Wächter unterbrach die Verbindung zu Menschen. Manchmal brachte mich mein falscher Ehrgeiz wieder in ihre Nähe. In mir herrschte oft Chaos: Retten, sich opfern und selbst Täter sein vermischten sich miteinander.

 

Jedes einzelne Mal, bei dem ich diese innere Höllenfahrt durchlebte, musste meine Seele verstehen: Lieb dich selbst. Immer war nur ich es, die ein Licht der Hoffnung entzünden konnte. Sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Irgendwie und Irgendwann musste alles einen Sinn machen.

 Oft versuchte ich, diese Tiefe der Erfahrung zu vermeiden und wich Begegnungen mit mir selbst und der Verantwortung im Leben aus.

 

Doch das Leben ist gnädig. Es hält immer wieder alles für uns bereit.